Setzt du dich mit den gängigen Heilmitteln der Ayurveda Medizin auseinander, kommst du an Shatavari, dem wilden, oder indischen Spargel kaum vorbei. Shatavari, botanisch Asparagus racemosus, ist eine ausgesprochen vielseitig verwendbare Wurzel, die als Stärkungs- und Verjüngungsmittel und auch als Heilpflanze eingesetzt wird. Seine Vata- und Pitta-verringernden Eigenschaften haben sich vor allem in der Männer- und Frauenheilkunde bewiesen. Im Ayurveda begegnet man Shatavari als festen Bestandteil medizinierter Öle, Kräuterweine, Churnas, Grithams und als Pflanzensud. Erfahre, welcher Zauber in Shatavari wohnt.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Shatavari ist bekannt für seine Vata- und Pitta-reduzierenden Eigenschaften.
- Wird im Ayurveda als Stärkungs- und Verjüngungsmittel eingesetzt.
- Enthält Asparagin, wichtig für die Entgiftung und Funktion des Nervensystems.
- Wird als ayurvedisches Aphrodisiakum und bei Kinderwunsch verwendet.
Ein bisschen Botanik
Der im Sanskrit als Shatavari oder Satamuli bekannte wilde Spargel ist zwar eine Spargelart, hat jedoch kaum etwas mit dem uns bekannten Speisespargel zu tun. Der aus Indien stammende, vielverzweigte dornige Busch trägt an seinem Wurzelstock viele, ca. 30-100 cm lange und um die zwei Zentimeter dicke Wurzeln. Daher auch der Name „Satamuli“ – er kann wörtlich übersetzt werden als „mit hundert Wurzeln“.
Seine grünen Blätter sind klein, weich und nadelförmig. Ein besonderer Zeitpunkt ist zwischen März und Juni: Jetzt bildet der Busch viele weiße Blüten aus und trägt anschließend kleine rote Früchte. Shatavari wächst in ganz Indien bis zu einer Höhe von ca. 1300 Metern.
Ausflug in die Biochemie: Asparagin
Hauptsächlich verwendet werden in der Ayurveda-Medizin das frische Blattgrün und die getrocknete und gemahlene Wurzel. Für Zubereitungen wie Öle oder Asavas (Kräuterweine) wird auch die frische Wurzel verwendet. In jenen Drogen (wirkmächtige Heilpflanzenbestandteile) findet sich neben Saponin und Shatavarin eine potente Eiweißverbindung mit hohem Asparaginanteil und Saccharin.
Was ist denn eigentlich Asparagin und warum ist das wichtig?
Asparagin und Asparaginsäure finden sich auch in unserem europäischen Gemüsespargel, sowie einigen weiteren Lebensmitteln. Mit Hilfe von Enzymen bildet unser Körper ebenfalls Asparagin, eine wasserlösliche Aminosäure. Das klassifiziert das Asparagin als sogenannte semi-essenzielle Aminosäure. Asparaginsäure und seine Produkte sind als Bestandteil von Geweben und als Ausgangsstoffe für Botenstoffe lebenswichtig. Chemische Botenstoffe (Neurotransmitter), geben Informationen von einer zur nächsten Nervenzelle weiter. Gut, wenn das reibungslos funktioniert. Außerdem unterstützen sie die Entgiftung des Körpers, indem sie die Nieren- und Leberfunktion anregen.
Zwar kann der Körper diese Aminosäure in gewissen Mengen selbst herstellen, jedoch können große Mengen des Asparagins durch die körpereigene Entgiftung des Bluts (vor allem um Rauchen, Alkohol, Mangelernährung zu bekämpfen) oder durch anhaltenden Stress verbraucht werden. Resultat: Der Asparaginspiegel sinkt. Auch Krankheiten und natürliche Alterungsprozesse führen dazu, dass Asparagin nicht mehr in ausreichender Menge hergestellt wird.
Darum sollte einem Asparaginmangel vorgebeugt werden
Fehlt dem Organismus Asparagin, können einige körperliche Prozesse eingeschränkt oder gestört werden. Mögliche Symptome eines Asparaginmangels finden sich zumeist auf der Ebene von Leistungsfähigkeit, Ausdauer, Libido, Immunsystem und den Entgiftungsorganen (Leber und Niere). Das Resultat: Körperliche und geistige Leistungsfähigkeit lassen nach, die Folge sind schnelle Erschöpfung und sinkendes Durchhaltevermögen. Der Sexualtrieb und die Fruchtbarkeit nehmen ab. Der Organismus wird anfälliger für Entzündungen, Infektionen und allergieähnlichen Reizungen, die Wundheilung ist gemindert. Alkohol wird schlechter abgebaut, Ausleitungsprozesse gehemmt.
Die Wirkung von Shatavari im Ayurveda: Vata- und Pitta-reduzierend, Kapha-erhöhend
Bekanntermaßen ist Ayurveda die Lehre und das Wissen des Lebens. Lebenserhaltende Maßnahmen und Therapien stehen in dieser jahrtausendealten Alternativmedizin im Vordergrund. Das heißt, man verzichtet auf lebensverkürzende Gewohnheiten und unterstützt den Menschen in seinen natürlichen Lebensphasen und Alterungsprozessen. Zur Unterstützung der jeweiligen Konstitution gibt es alles, was verjüngt, kräftigt und entgiftet: Ernährungsvorschläge, Bewegungsempfehlungen, manuelle Therapie und Pflanzenheilkunde. Und damit sind wir bei Shatavari.
Der Geschmack ‚rasa‘ der Shatavariwurzel ist süß und bitter. Die Eigenschaft ‚guna‘ von Shatavari ist schwer und ölig. So reduziert die Heilpflanze die beiden Doshas Vata und Pitta. Durch das süße ‚vipaka‘, der Geschmack nach der Verdauung, und das kühlende ‚virya‘, die thermische Wirkung, vermehrt Shatavari Kapha.
Die Wirkung von Shatavari als ayurvedisches Stärkungsmittel
Shatavari wird im Ayurveda als Aufbau- und Stärkungsmittel eingesetzt. Der wilde Spargel ist ein Rasayana für das Fortpflanzungsgewebe ‚sukra dhatu‘. Er vermehrt ojas (Gewebe) auch auf der Ebene von Plasma ‚rasa dhatu‘ und Knochen ‚asthi dhatu‘. Im Alter steigt das Vata, wir trocknen aus, sind leichter entzündlich und verlieren Erde, Kapha möchte genährt werden. Genau hier setzt die Wirkung von Shatavari an. Es überrascht nicht, dass Shatavari und seine schmerzlindernde Eigenschaft bei Rheuma- und Gelenkerkrankungen zum Einsatz kommt. Empfohlen werden hier äußerliche Einreibungen mit Narayana Tailam.
Auf mentaler Ebene wirkt Shatavari hirn- und nerventonisch. Die Pflanze hilft bei Angststörungen, Nervosität, Konzentrations- und Nervenschwäche. Bei Stress scheint Shatavari allerdings weniger potent zu sein als Ashwagandha.
Durch den süßen Geschmack und die ölige, schleimige Eigenschaft gilt Shatavari als Mittel der Wahl bei Übersäuerungen des Magens und bei Sodbrennen. Empfohlen wird hier die Einnahme von Shatavari gritham wie auch des Churnas. Koche das Churna vor der Einnahme in warmer Milch auf.
Shatavari: ayurvedisches Aphrodisiakum
Im Handbuch für Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin (Zoller, Nordwig 1997) wird der Asparagus racemosus als Aphrodisiakum geführt. Ganz besonders wirksam ist Shatavari gritham, eine Mischung aus Shatavari und Ghee. Hierbei ist anzumerken, dass man im Ayurveda mit „aphrodisierend“ vor allem „aufbauend, zellverbessernd“ meint. Selbstverständlich hat das aber auch positive Auswirkung auf die Libido und auf verschiedene Ausprägungen sexueller Dysfunktionen. Darauf deutet eine der gängigen Übersetzungen Shatavaris als „die, die hundert Männer hat“ bereits hin. So wird sie nicht nur in der Frauenheilkunde, sondern auch in der Männerheilkunde bei Impotenz und Entzündungen der Sexualorgane verwendet.
Shatavari in der Frauenheilkunde
Als eine der bedeutendsten Pflanzen bei unerfülltem Kinderwunsch und vielen Erkrankungen im Urogenitalbereich, ist Shatavari aus der Frauenheilkunde kaum wegzudenken. Der Heilpflanze wird eine kühlende Wirkung bei Brustentzündungen zugeschrieben. Sie soll durch die Stärkung des Fortpflanzungsgewebes den Kinderwunsch und die Fruchtbarkeit unterstützen und bei Männern samenvermehrend wirken.
Shatavari bei Zyklusproblemen und in der Menopause
Die günstigen Eigenschaften von Shatavari regulieren den weiblichen Zyklus, lindern das Prämenstruelle Syndrom (PMS) und wirken positiv auf die anspruchsvolle Zeit der Wechseljahre. Vor allem bei unangenehmen Hitzewallungen, Schweißausbrüchen oder Wassereinlagerungen im Gewebe lindert und stärkt Shatavari.
Durch seine günstige Wirkung auf rasa dhatu wird das Pulver auch häufig bei Leukopenie und Anämie eingesetzt. Hier sollte auf jeden Fall ein erfahrener Ayurveda Mediziner/in zu Rate gezogen werden.
Nebenwirkungen von Shatavari
Wichtig: Die Rinde des Strauchs ist giftig. Nutze ausschließlich Blätter und Wurzeln des wilden Spargels.
Vorsicht bei Spargelallergien! Solltest du gegen Asparagus officinalis allergisch sein, besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass du auch gegen Asparagus racemosa allergisch bist. Verzichte in diesem Fall auf eine Einnahme.
Hast du Herz- oder Nierenprobleme, kläre bitte vorab mit deinem Facharzt/Ärztin, ob eine Einnahme von Shatavari kontraindiziert ist. Ebenso sollte die Pflanze bei Kaphaerkrankungen (Zysten, Myome) nur nach Absprache mit einem erfahrenden Ayurveda Mediziner/in eingesetzt werden. Durch die Kapha-erhöhende Wirkung, die stärkend und aufbauend wirkt, kann es bei der Einnahme von Shatavari zu Gewichtszunahmen führen. Das ist allerdings, gemessen an den positiven Eigenschaften von Shatavari, zu vernachlässigen.
Shatavari Gritham selbst zubereiten und richtig einnehmen
Die traditionelle Einnahme von Shatavari erfolgt als Satavarighrta bzw. Shatavari Gritham:
Das brauchst du
- 1 Teil Wurzelsaft des Asparagus racemosus*
- 1 Teil Ghee
- 10 Teile Milch
- etwas Zucker oder Honig
- langer Pfeffer
Schritt für Schritt
- Bereite nur geringe Mengen des Shatavari Gritham auf einmal zu und bewahre sie in einem sauberen Schraubglas im Kühlschrank auf.
- Koche die Zutaten gemeinsam auf.
- Vermische die Mischung anschließend mit Zucker oder Honig und langem Pfeffer.
- Täglich wird 1 Teelöffel dieser Mischung eingenommen.
* Da man hierzulande selten an den Saft der frischen Shatavari-Wurzel gelangt, kann alternativ die getrocknete, gemahlene Wurzel – also das Shatavari Churna verwendet werden. Das Aufkochen des Churna mit Milch und Ghee ist ebenfalls in den ayurvedischen Rezepturen verbrieft.
Stressfrei und entspannt – Rezept für Shatavari Energy Balls
Wer Laddhus mag, das sind diese kleinen runden indischen Energiebällchen, ist hier genau richtig. Shatavari und Ashwaganda verbinden sich zu einer entspannenden Melange, die durch Nüsse, Gewürze und Kokosraspeln abgerundet wird. Zum Snacken zwischendurch, oder als Geschenk für Liebesverdrossene.
Das brauchst du
- 150g getrocknete Früchte (z. B. Datteln, Feigen, Aprikosen)
- 100g Nüsse (nach Belieben: Cashew, Mandel, Macadamia)
- 50g Kokosraspeln
- 2 TL Kokosöl
- 1 TL Zimt
- 2 TL Ashwagandha Churna
- 1 TL Shatavari Churna
- ½ TL Kardamompulver
- 1 Prise Himalaya Salz
Schritt für Schritt
- Mixen: Gib alle Zutaten in einen leistungsstarken Mixer. Dieser braucht manchmal ein paar Anläufe. Falls dein Mixer das nicht mitmacht, geht auch ein großes Schneidebrett und ein Hackmesser. Verwandeln die Zutaten in eine klebrige Masse.
- Formen: Forme die Masse mit einem kleinen Löffel und deinen Händen zu mundgerechten Bällchen.
- Verzieren: Rolle die Laddhus anschließend durch ein kleines Kokosraspelbad. Vielleicht gemischt mit Rosenblüten? Das ist der Moment der freien Kreativität: Kakaopulver, Erdmandelmehl, Kakao-Stückchen, probiere einfach aus!
- Abkühlen: Stelle die Laddhus zum Schluss für ein paar Stunden in den Kühlschrank. Danach kommen sie zur Aufbewahrung in ein Glas oder werden einfach gleich verspeist.
Regenerierende Gesichtsmaske mit Shatavari Gritham
Normalerweise werden bei Hautkrankheiten und Entzündungen die Blätter des wilden Spargels gekocht, mit Ghee beschmiert und aufgelegt. Eine schöne Anwendung habe ich während meines Studiums der Ayurvedamedizin quasi nebenbei entdeckt. Bei der Herstellung von Shatavari gritham hatten wir nach dem Filtern eine große Menge des in dem Ghee gekochten Pulvers übrig. Das Pulver enthält die gemahlene Wurzel. Diesen dicken Brei haben wir zusammen mit etwas Lavaerde als Gesichtsmaske verwendet. Die Teilnehmerinnen der Panchakarma Kur waren begeistert von der glättenden und regenerierenden Wirkung. Was du dazu brauchst:
Das brauchst du
- 2 EL Ghee im Wasserbad schmelzen
- 1 EL Shatavari Churna
- 1 EL Lavaerde
Schritt für Schritt
- Anrühren: Rühre das Pulver zusammen und in das geschmolzene Ghee, bis ein nicht zu flüssiger Brei entsteht.
- Auftragen: Die Paste am besten im Liegen auf Gesicht, Hals oder Dekolleté auftragen und ca. 20 Minuten einwirken lassen. Da die Masse durch die Wärme der Haut schmilzt, empfiehlt es sich ein Handtuch unterzulegen.
- Abnehmen: Wasche nach der Anwendung die Paste mit lauwarmem Wasser ab.
Variation: Dieses Rezept lässt sich gut variieren. Vor allem bei entzündlichen Hauterkrankungen und Rötungen kannst du der Mischung noch Kurkumapulver hinzufügen und auf die betroffenen Stellen auftragen. Vorsicht mit der Kleidung – Kurkuma färbt ziemlich heftig gelb.
Fazit
Shatavari, der wilde Spargel, ist ein beeindruckendes Gewächs mit vielfältigen Einsatzmöglichkeiten in der ayurvedischen Medizin. Von der Unterstützung der Fruchtbarkeit und Libido bis hin zu seiner Rolle als Stärkungsmittel bietet Shatavari eine breite Palette an Vorteilen. Durch seine besondere Biochemie, insbesondere den Gehalt an Asparagin, spielt es eine wichtige Rolle in der Förderung der Gesundheit. Es ist jedoch wichtig, bei der Verwendung auf mögliche Nebenwirkungen zu achten und bei bestehenden gesundheitlichen Problemen einen Experten zu konsultieren. Die traditionelle Zubereitung und Anwendung von Shatavari Gritham und Energy Balls zeigt, wie vielseitig und wirkungsvoll diese Pflanze sein kann.




