Ayurveda ohne Öle und Fette zu praktizieren, ist kaum denkbar. Wir selbst sind von der transformierenden Kraft der ayurvedischen Öle immer wieder beeindruckt. Die Rede ist nicht von parfümierten nach Citrus oder Lavendel duftenden Ölen aus dem Beautybereich der Drogerie. Sondern von schweren, meist dunklen erdig-holzig bis würzig-kräuterig riechenden Ölmischungen. Je nach Einsatzgebiet werden für medizinierte Öle bis zu 50 verschiedene Zutaten in den Kochtopf geworfen und in einem aufwendigen, meist mehrtägigen Verfahren zu potenten Ölmischungen verkocht.
Die Ayurvedamedizin kennt eine Vielzahl innerlicher Ölanwendungen und manueller Öltherapien und dementsprechend viele verschiedene Öle. Aber wo ist der Unterschied und welches Öl nimmt man für was?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Medizinierte Öle bestehen aus komplexen Mischungen und werden in aufwendigen Prozessen hergestellt.
- Die Wahl des Öls hängt von der vorliegenden Dosha-Störung ab: Vata, Pitta oder Kapha.
- Vata wird durch wärmende Öle beruhigt, Pitta durch kühlende Öle und Kapha durch anregende Ölmischungen reduziert.
Medizinierte Öle in der Ayurvedamedizin
In jahrhundertealten ayurvedischen Rezepten finden sich mitunter komplexe Mischungen aus verschiedensten Gewürzen, Kräutern, Wurzeln, Rinden, Blättern, Blüten, Milch. Manche Rezepte sehen sogar Kuh-Urin und Kuhdung vor, Grund ist der Gehalt an Urea. Als Trägersubstanzen dienen meist Fette wie Sesam-, Senf-, Kokosöl, Milch oder Ghee. Die Ayurvedamedizin schreibt der jeweiligen Trägersubstanz eine eigene thermische Eigenschaft und damit auch dosha-ausgleichende Qualität zu.
Die Herstellung der Öle ist sehr aufwändig – in meiner Ausbildung zur Ayurveda-Medizinerin in Indien wurde ich Zeugin der mehrstufigen Herstellung eines Kräuteröles, das anschließend in der Ayurveda-Klinik verwendet wurde. Mehrere Tage lang musste ein riesiger Kessel ständig befeuert werden. Die darin enthaltene Mischung aus vielen Kräutern, Öl, Wasser und Kuhurin wurde unter ständigem Rühren eingekocht. Aus ursprünglich 120 Litern Flüssigkeit wurden nach dem Prozess 13,5 Liter wertvolle Ölessenz gewonnen, filtriert und abgefüllt.
In der Ayurvedatherapie wird das erwärmte Öl als Mittler bzw. Transportmedium für die enthaltenen Wirkstoffe der jeweiligen Droge benutzt. Das Öl dringt durch alle dhatus und nimmt auf seinem Weg die Wirkung der Kräuter mit in die Tiefe. Gleichzeitig kann es entweder Schlacken lösen und Stoffwechselprozesse anregen, oder die jeweiligen Körperschichten mit Nährstoffen stärken.
Ölanwendungen und die Doshas
Welches Öl du verwenden solltest, hängt von der vorliegenden Dosha-Störung ab, die du mit Hilfe der Ölbehandlung therapieren willst. Allgemein kann man sagen, dass wärmendes Öl Vata reduziert. Um Pitta zu reduzieren, kommen meist kühlende Ölmischungen zum Einsatz, während Kapha durch anregende Ölmischungen oder Kräuterpulvermassagen reduziert wird.
Vata reduzieren heißt erwärmen und beruhigen
Vata ist das Bewegungsprinzip und ist mit sämtlichen körperlichen Aktivitäten verbunden: vom Herzschlag über die Mobilität unserer Glieder, die Atmung, Ausscheidung, ja sogar bei der Übertragung von Sinnesreizen über die Nervenbahnen ist Vata das wirkende Prinzip. Vata ist mit den Elementen Luft und Äther (Raum) verbunden. Vata reduziert Kapha (das dem Körper unter anderem Struktur verleiht). Die Haupteigenschaften (gunas) von Vata sind: Mobilität, Trockenheit, Kälte. Ein unsteter Lebensstil, Schnelllebigkeit, Stress, wenig Bewegung an der frischen Luft, ungekochtes unregelmäßiges Essen, eine trockene, bittere und ölfreie Nahrung, all das erhöht unser Vata. Die Ernährung sollte regelmäßig sein, das Essen warm und mit guten Ölen / Ghee oder Sesamöl zubereitet werden.
Im Allgemeinen werden Vata-reduzierende Öle bei den entsprechenden Symptomen einer Vata-Erhöhung eingesetzt.
Mögliche Anzeichen einer Vata-Erhöhung:
- Unbeweglichkeit, Versteifung – bspw. von Gelenken
- Überbeweglichkeit von Gelenken
- Rückenschmerzen
- Substanzverlust. Symptome sind: Schwäche, Nervosität, Hektik
- Innere Unruhe, Schlafprobleme, Angespanntheit, Sorgen
- Verstopfung
- Tinnitus, Kopfschmerzen
Vata-Therapie und Öle, die Vata reduzieren
Ölbehandlungen sind das Mittel der Wahl zur Vata-Reduzierung. Die wohl bekannteste Methode zur Selbstbehandlung ist die Ganzkörper-Einölung Abhyanga mit warmem Sesamöl oder einem Vata reduzierenden Öl. Nehme die Abhyanga in deine Morgenroutine auf, um entspannt und ausgeglichen in den Tag zu starten.
Das Sesamöl bindet freie Radikale und festigt Zellen und Gewebe. Gleichzeitig regt es Stoffwechselprozesse an. Eine Fußmassage (Padabhyanga) oder Kopfmassage (Shiroabhyanga) sind ebenfalls völlig problemlos selbst durchzuführen und von großer Wirksamkeit. Ein warmes Bad oder eine Dusche nach der Ölbehandlung erhöhen die Wirkung des Öls und fördern die Entspannung.
Diese Öle reduzieren Vata – eine Auswahl
| (Maha) Narayana tailam | Eignet sich besonders zur Stärkung der Nerven bei Stress und Angstzuständen |
| Jathyadi tailam | Das Massageöl ist auch für Kopfmassagen geeignet. Es ist besonders wohltuend für die Haut und pflegt auch kleinere Wunden und Haut-Unausgeglichenheiten. |
| Danwantharam tailam | Ein gutes Allround-Öl für Vata-reduzierende Anwendungen |
Pitta reduzieren – kühlen und entsäuern
Die Haupteigenschaften von Pitta sind feucht, heiß, penetrierend, sauer, bitter, fließend und scharf. Das Pitta-Dosha regelt unter anderem die Verdauung, also die Aufspaltung der Nahrung mittels den Verdauungssäften. Pitta ist verantwortlich für die Körpertemperatur und den Stoffwechsel. Es ist präsent in der Haut, den Augen, dem Blut (rakta), dem Herzen und im Schweiß. Pitta ist von den Elementen Feuer und einem kleinen Anteil Wasser bestimmt. Oft sind Pitta-Persönlichkeiten durchsetzungsstarke, ehrgeizige und kreative Personen, die sportlich sind und deren Handeln zielgerichtet ist. Aber manchmal geht das Pitta einfach mit einem durch und dieselbe Person ist gereizt, zornig, entwickelt Ausschläge oder Entzündungen.
Mögliche Anzeichen einer Pitta-Erhöhung:
- Entzündungserkrankungen
- Magenübersäuerungen und Geschwüre
- Hautausschläge
- Brennen (z.B. Harnwegsinfekte)
- Hitze (z.B. Hitzewallungen, Fieber)
- Durchfall
- ausgeprägter Hunger und Durst
- starke Schweißbildung
- Blutungsneigung
- Aggression
Im Vordergrund stehen also Hitze- und Säureentwicklung, die sich auch auf der Haut oder auf den Schleimhäuten zeigen. Pitta-belastete Patienten haben oft eine Abneigung gegen Öle.
Pitta-Therapie und Maßnahmen, die Pitta reduzieren
Insgesamt lässt sich Pitta durch Ruhe und Kühlung besänftigen. Neben beruhigenden Aktivitäten (Sport, Wanderungen, Yoga, Meditation) werden kühlende Stirngüsse (bspw. mit Buttermilch) und sanfte Massagen mit Pitta-reduzierenden Ölen und Fußmassagen mit Ghee empfohlen. Die beste Methode, überschüssiges Pitta aus dem Körper zu entfernen, ist das therapeutische Abführen (virecana). Diese drastische Maßnahme ist nur von erfahrenen Spezialisten durchzuführen, zeigt aber bei den typischen Pitta-Symptomen hervorragende Wirkung.
Pitta-reduzierende Öle – eine Auswahl
| Kumkumadi Tailam | Dieses Öl eignet sich besonders zur Pflege problematischer Gesichtshaut. |
| Jathyadi Keram | Das Kokosöl, auf dem diese Rezeptur basiert, wird als besonders kühlend (sita) beschrieben. Dieses Öl ist bei Hautrötungen jeder Art geeignet. |
| Murivenna | Auf Kokosölbasis. Eignet sich besonders bei Problemen mit Knochen und Gelenken. Reduziert neben Pitta auch Vata. |
Kapha reduzieren – anregen und formen
Kapha ist das Prinzip von Stabilität und Struktur. Aus den Elementen Erde und Wasser zusammengesetzt, sind seine Eigenschaften: schwer, langsam, flüssig, kalt, ölig, hart, statisch, weich und kompakt. Kapha hat die Aufgabe, sämtliche Schleimhäute zu befeuchten und ist zuständig für den Wasserhaushalt (Lymphe, Gelenkflüssigkeit) und die Struktur des Körpers. Die Lymphflüssigkeit umspült unsere Zellen, liefert Nährstoffe und reinigt die Zellen. Eine Kaphastörung meint häufig ein Stocken jener Zirkulation und ein Anhäufen von Schlacken. Während ein ausgeglichenes Kapha für Ruhe, Ausgeglichenheit, Ausdauer, Gelassenheit, Form, Stabilität und Freundlichkeit steht, ist die Natur einer Kapha-Störung grundsätzlich durch Verlangsamung, Blockaden, Müdigkeit, Trägheit, in manchen Fällen sogar Depression gekennzeichnet.
Mögliche Anzeichen einer Kapha-Erhöhung:
- Öligkeit, Klebrigkeit
- Übergewicht
- Juckreiz
- Taubheitsgefühle
- Wasseransammlungen, Augenringe
- Appetitlosigkeit
- schlechte Verdauung, Verstopfung
- süßlicher Mundgeschmack
- weißliche Verfärbungen der Körperorgane und Ausscheidungsprodukte
- Faulheit, Schläfrigkeit
- starke Speichelbildung, Auswurf
- Depression, Verlust an Kraft und Widerstandsfähigkeit
Kapha-Therapie und Kapha reduzierende Maßnahmen
Bei einer ausgeprägten Kapha-Erhöhung sollten ölige Behandlungen ausbleiben, oder nur sehr gezielt eingesetzt werden, um das Kapha nicht noch mehr zu reizen. Bei diesen Patienten setzt die Ayurveda-Medizin Garshan Massagen mit dem Seidenhandschuh oder Ubtan-Kräuterpulver Massagen ein.
Therapeutisch gilt es, die angesammelten Überschüsse durch eine umfassende Stoffwechselbelebung, also gezielte Ausleitungsverfahren, zu reduzieren. Somit wird das Verdauungsfeuer erhöht und die Zirkulationsbahnen befreit. Steigere die Bewegung und ersetze stärkehaltige Produkte wie Weißbrot, Teigwaren, Pizza, uä. durch scharfe Eintöpfe, Gemüsesäfte und Kräuter mit Bitterstoffen.
Kapha-reduzierende Öle – eine Auswahl
| Shadvindu Tailam | Dieses Kapha-ausgleichende Öl eignet sich besonders für die Nasya-Anwendung |
| Kapha-Öl | Dieses Massageöl eignet sich besonders für leicht fettende, zu Unreinheiten neigende Haut. |
| Danwantharam Enna | Dieses Massageöl ist für zahlreiche ayurvedische Anwendungen einsetzbar, von der Selbstmassage Abhyanga oder den Stirnguss Shirodhara bis hin zur Anfertigung von Vastis, also Kräuterstempeln. Reduziert neben Kapha auch Vata. |
Überblick: Die geläufigsten medizinierten Öle und ihre Anwendung im Ayurveda
Die Indikationen und Anwendungen der Öle werden in den klassischen ayurvedischen Schriften beschrieben. Beachte, dass die Schreibweise der indischen Namen aufgrund der Transkription ins lateinische Alphabet im Einzelnen abweichen kann.
| Name | Hersteller | Hauptöl | Anwendung | Indikationen | Reduziert |
| Janu Tailam | Sree Sankara, Holisan | Sesamöl | Nasya, Kopföl | Nervenstärkend, Schwindel, Verlust des Geruchs- Geschmackssinns, akute Sinusitis | Vata |
| Balashwagadhadi tailam | Nimi | Sesamöl | Ölmassagen, Teileinreibungen, Pinda Sweda | Nährend für das Muskelgewebe. Bei Lähmungen, MS, Tremor, Muskelatrophie, Stress, Muskelkater | Vata |
| Chukkadi tailam | Sree Sankara | Sesamöl | Ölmassagen, Teileinreibungen Pinda Sweda | LWS, akuter Schmerz, Blockaden, Entzündungen, Ama reduzierend im Gewebe | Vata, Pitta |
| Danwantharam tailam | Nimi | Sesamöl | Ölmassagen, Teileinreibungen, Pinda Sweda | Bei Auszehrung, zur Stärkung schwacher Muskulatur, in der Schwangerschaft | Vata Kapha |
| Jathyadi tailam | Sree Sankara | Sesamöl | Teileinreibungen | Hautausschläge, trockene Ekzeme; Psoriasis | Vata Kapha |
| Jathyadi keram | Sree Sankara | Kokosöl | Teileinreibungen | Hautausschläge, gerötete Ekzeme, Offenes Bein, schlecht heilende Wunden. Immer in Verbindung mit Neemwasser | Pitta |
| Karpooradi tailam | Sesamöl | Ölmassagen, Teileinreibungen | Erhitzend, lösend bei Blockaden, Myogelosen, akute Wirbel- und Gelenkprobleme, frozen shoulder, Krämpfe | Vata | |
| Kumkumadi Tailam | Nimi | Kokos, Safran, Sandelholz | Gesichtsöl | Beruhigend, reinigend, klärend Die Ausstrahlung verbessernd und verjüngend. | Pitta |
| Lakshadi Enna | Sree Sankara | Sesamöl | Ölmassagen, Teileinreibungen | Aufbauendes Öl, ideal für die Massage von Kindern und älteren Menschen. Lendenwirbelsäule, akuter Schmerz, Kopfschmerzen, Fieber, Blockaden, Gewebe-schwäche, Osteoporose. | Vata, Pitta |
| Marichyadi tailam | Sesamöl | Teileinreibungen, Shiroabhyanga | Juckende Ekzeme, Asthma, Sinusitis | Kapha | |
| Murivenna | Sree Sankara, Nimi | Kokosöl | Ölmassagen, Teileinreibungen, Pinda Sweda Kräuterbeutelöl | Lösend bei Muskelverspannungen, Entzündungen Wundheilend bei Narben, Blutergüsse | Vata Pitta |
| Maha Narayana tailam | Sree Sankara, Ajapa, Nimi | Sesamöl | Ölmassagen, Teileinreibungen, Pinda Sweda Kräuterbeutelöl, Pichu, Kati Basti | Schmerzstillendes Öl bei Arthrose, Rheuma, Gicht, Motorische Schwäche, Muskelatrophie, Versteifungen | Vata |
| Pinda tailam | Sesamöl | Ölmassagen, Teileinreibungen Pinda Sweda | Schmerzende Gelenke, Bewegungseinschränkungen | Pitta Vata | |
| Shadvindu tailam | Holisan | Sesamöl | Nasya, Kopföl | Nervenstärkend, Schwindel, Verlust des Geruchs- Geschmackssinns, Sinusitis, schleimlösend, chronischer Schnupfen, Schleimhaut abschwellend | Kapha |
| Shulahara | Cosmoveda | Sesamöl | Ölmassagen, Teileinreibungen | Erhitzend, lösend bei Blockaden, Myogelosen, akute Wirbel- und Gelenkprobleme, frozen shoulder, Krämpfe | Vata |
Ayurvedische Öl-Massagen und andere ayurvedische Ölanwendungen
Bei uns im Westen sind hauptsächlich die wohltuenden ayurvedischen Ölmassagen bekannt. Im Ayurveda werden Öle aber nicht nur äußerlich in der Massagetherapie, sondern auch oral oder als Einläufe (basti), Auflage (pitchu), Ohrenfüllung (karna purana), dem Stirnguss (shirodhara) und zur Mundspülung (gandusha) verwendet.
Untenstehend eine kleine Auflistung zur Übersicht über die wichtigsten Anwendungen und ihren Namen im Ayurveda.
| Abhyanga | Ganzkörper-Ölmassage |
| Gandusha | Ölziehen – Mundpflege |
| Kati Basti | Ölauflage |
| Karna Purana | Ölbad für die Ohren |
| Mukabhyanga | Gesichtsmassage |
| Nasya | Nasenölung- Reinigung |
| Padabhyanga | Fußmassage |
| Pinda Sweda | Massage mit Kräuterstempel |
| Pitchu | Ölwickel |
| Pizzichil | Königsguss |
| Shirodhara | Ölguss, Stirnguss |
| Shiroabhyanga | Kopfmassage |
Fazit
Ayurvedische Öle sind ein wichtiger Bestandteil der Ayurvedamedizin und bieten vielfältige Anwendungsmöglichkeiten, um die Balance der Doshas zu unterstützen. Die Wahl des Öls sollte sich nach der jeweiligen Dosha-Störung richten, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen. Ob zur Massage, als Stirnguss oder zur inneren Anwendung, jedes Öl hat seine besonderen Eigenschaften und Einsatzgebiete. Indem du das passende Öl für deine Bedürfnisse auswählst, kannst du die heilenden Wirkungen des Ayurveda optimal nutzen.




